Der stille NaNoWriMo

Diesen November habe ich zum ersten Mal mit meinem Langzeit-Fanfictionprojekt an einem NaNoWriMo teilgenommen und kein einziges Wort darüber verloren. Für gewöhnlich teile ich freudig meinen Fortschritt, meinen Wordcount und Textschnipsel und gebe Zwischenberichte.

Dieses Jahr habe ich bewusst darauf verzichtet.

Ganz im Stillen habe ich 221k Wörter und 15 Kapitel von „Das Erbe 3“ geschrieben, Plotlöcher gestopft und Charaktere leiden lassen. Und es hat verdammt gutgetan, das so zu machen. Am Ende habe ich festgestellt, dass ich vor zwei gewaltigen Plotlöchern stehe, die meine im Sommer aufgestellte Outline nicht erkennen ließen. Ausgeschrieben ist es oft doch anders, als anfangs gedacht. Manchmal muss ich erst die Entwicklung im Detail sehen und aus der Sicht der Charaktere erleben, um zu sehen, ob etwas so funktioniert, wie ich mir das vorgestellt habe. Manchmal muss man etwas erst ausprobieren, um zu sehen, ob es überhaupt funktioniert.

Aber nun gut. Genau an der Stelle, an der ich auf die Plotlöcher stieß, war der November dann auch zu Ende. Bevor ich mich der Plotlöcher annehme, muss ich „Das Erbe 2“ und den bisher geschrieben Teil von „Das Erbe 3“ überarbeiten. Und das wird vor 2021 nicht passieren.

Trotz Viertagewoche habe ich weniger geschrieben, als in den Novembern 2015-2017. Das lag hauptsächlich daran, dass ich an zwei der vier Werktage nach der Arbeit noch Termine habe und mir diese Zeit abends fehlt. Außerdem werde ich schneller müde, weswegen ich abends nicht mehr bis kurz vor Mitternacht schreibe, sondern spätestens um 23 Uhr den Laptop runterfahre. Meine Wordcounts an Arbeitstagen unterlagen daher mit 2000 bis 6000 Wörtern starken Schwankungen. An meinen drei freien Tagen konnte mich dagegen nichts mehr halten und ich schrieb konsequent meine 10-12k. Die Sprints auf dem NaNo-Twitteraccount haben mir dabei wie auch im letzten November, wo ich mit dem englischen Projekt teilgenommen habe, und den beiden Camps in diesem Jahr sehr geholfen.

Mehr möchte ich über meinen Schreibfortschritt auch gar nicht verlieren.

Ein Kommentar zum Redesign der Webseite

Sehr gekämpft habe ich dieses Jahr mit dem Redesign der Webseite. Aus irgendeinem Grund neigen Redesigns dazu, kontrastärmer zu sein und eine schlechtere Benutzerführung zu haben, während zugleich mehr animierte Oberflächenfeatures (wer bitte braucht so etwas?) verwendet werden, damit alles schön shiny ist. Das hat mich auch schon bei der Umstellung von Twitter im Sommer massiv gestört. Außerdem war plötzlich nichts mehr da, wo es zuvor war. Operationen wie z.B. ein Projekt anlegen erfordern plötzlich deutlich mehr Schritte/Klicks und dabei werden dabei Optionen angeboten, die entweder unnötig und/oder irreführend sind. Die Statistik hat nun eine animierte(!) Graphik (warum?) und zusätzliche Features, die kein Mensch braucht: Wo man an meisten schreibt, wann man am meisten schreibt, welche Stimmung man beim Schreiben hat, wie viele Wörter man pro Minute schreibt, wozu ein sehr merkwürdiger Algorithmus verwendet wird. Wer zur Hölle braucht das? Und warum gibt es keine Option, mit der man diese Features für sich ein- oder ausblenden kann?

Dazu wurden ziemlich sinnfreie Sprüche eingeblendet, die wohl motivierend sein sollten. Von Teilnehmern, die damit gekämpft haben, ihr tägliches Ziel von 1667 Wörtern zu erreichen, habe ich gehört, dass ihnen Sprüche angezeigt wurden, von denen sie sich unter Druck gesetzt gefühlt haben.

In das Forum bin ich nur einmal kurz gegangen und fand das Design so verwirrend und unübersichtlich, dass ich sofort wieder rausgegangen bin.

Ich war bei weitem nicht die einzige, die mit der Umstellung gekämpft hat. Gerade für Menschen, die sich mit Veränderungen schwertun, die Sensory Processing Disorder haben, für Menschen mit Behinderung und für neurodivergente Menschen, ist diese Umstellung eine mittelschwere Katastrophe. Ich habe meinen Unmut auch schon bei einer Umfrage zum diesjährigen NaNoWriMo zum Ausdruck gebracht. Auch wenn ich nicht daran glaube, dass sich etwas ändert.

Irgendwie traurig, dass bei Redesigns wie bei vielen anderen Dingen in unserer heutigen Welt nur darauf Rücksicht genommen wird, was für „normale“ Menschen funktioniert und mehr auf Fanciness als Funktionalität gesetzt wird.

Und mehr möchte ich auch gar nicht über diesen NaNoWriMo verlieren.

Warum stiller NaNoWriMo?

Dieses Jahr war für mich sehr herausfordernd. Es war nicht so brutal, lähmend und erschöpfend wie 2018, da ich meinen Burnout, meine mentale Krise oder was auch immer das war, überwunden habe. Dieses Jahr habe ich etwas herausgefunden, das dazu geführt hat, dass ich vieles in meinem Leben neu definiere und aus einem neuen Blickwinkel betrachte. Dummerweise bin ich dabei komplett auf mich gestellt. Und als wäre das nicht genug, schlage ich mich weiterhin mit Veränderungen im Beruf herum, an die ich mich nur schwer bis gar nicht gewöhne.

Das erfordert viel Selbstschutz und viel Zeit für mich. Die Viertagewoche, die ich seit Mai mache, ist dabei eine enorme Unterstützung. Meine Schreibprojekte sind eine willkommene Flucht und Mittel zur Selbsttherapie. Und deswegen muss ich hier ganz besonders darauf achten, dass aus Flucht kein Frust wird.

Leider droht bei meinen Schreibprojekten auch eine immense Quelle der Frustration und diese heißt seit ein paar Monaten „Die Königsmörderin“.

Ehrlich gesagt weiß ich nicht, wie ich den Rest schreiben soll, ohne dass es wie Autorengejammer oder „Fishing for Compliments“ rüberkommt. Wenn ich zu viel weglasse, wird der Rest dieses Artikels sehr kryptisch und ich hätte das Gefühl zu lügen, weil ich etwas für mich Wesentliches nicht erwähne. Ich möchte nicht noch zwei weitere Wochen an diesem Artikel feilen.

Also wie immer: Fakten, Klartext und Transparenz. Bitte nehmt es mir nicht übel und nehmt meine Worte als das, was sie sind – wertfreie, nüchterne Fakten.

Seit Wochen frage ich mich, ob die Pause zwischen den Trilogien, obwohl für mich bitter nötig, zu lang war. Ob die Geschichte zu langweilig / zu vorhersehbar ist. Und ob sie überhaupt etwas taugt. Denn die Statistik (Klicks, Favoriten, Reviews/Kapitel) ist, gelinde gesagt, unterirdisch. So etwas geht an keinem Autor spurlos vorbei. Ich erwähne die Empfehlungen bewusst nicht, weil ich das Konzept eine Geschichte zu empfehlen bevor sie ganz gelesen wurde kognitiv nicht verstehe.

Dass ich nur eine Testleserin habe, macht die Sache nicht einfacher. Ein Testleser kann seine Sache noch so gut machen, es ist trotzdem nur ein Mensch mit einer bestimmten Vorgehensweise und Denkart. Gerade bei langen und komplexen Geschichten sollte man immer mit mehreren Testlesern arbeiten. Leider ging das dieses Mal gründlich schief und das ist auch mein Verschulden, weil ich zu sehr mit meinen privaten Problemen beschäftigt war, um nachzuhaken und nicht die Energie hatte, mich erneut auf die Suche zu begeben.

Ich denke darüber nach, ob ich schon zu lange in diesem Fandom unterwegs bin und meine Ideen an Originalität verloren haben. So etwas passiert bei allen Reihen und Serien irgendwann, wenn man nicht rechtzeitig den Absprung schafft. Entweder die Ideen wiederholen sich oder man folgt dem höher-schneller-weiter Prinzip und die ganze Handlung wird unrealistisch. Ich dachte, ich hätte noch großartige Ideen, aber vielleicht hätte ich nach „Yukai“ aufhören sollen. Das ist eine Frage, der sich jeder Autor irgendwann stellen muss.

Um mir weiteren Frust zu ersparen und mir den Spaß am Schreiben zu erhalten, habe ich meine Teilnahme am NaNoWriMo für mich behalten. Die Reaktionen auf gepostete Textschnipsel flüstern mir mit süßen Zungen, dass die Geschichte ein ganz ganz großer Erfolg wird, wenn sie ein paar Jahre später online geht. Aber dieser Gedankengang ist trügerisch. Menschen und Geschmäcker ändern sich und nicht alle teilen meine jahrelange Besessenheit von einer Buchreihe. Die Statistik spricht hier eine deutliche Sprache. Emotional angeschlagen, wie ich bin, wollte ich mir das für „Das Erbe 3“ ersparen.

Dieser Frust in Bezug auf ein Werk, das mir viel bedeutet, raubt mir unglaublich viel Energie. Da dies schon genug Dinge tun, die nichts mit dem Schreiben zu tun haben, will ich das in einem Bereich vermeiden, der mir trotz meiner ehrgeizigen Ziele zur Erholung dient und Spaß machen soll. Denn sonst gerate ich irgendwann an einen Punkt, an dem ich nicht mehr sein wollte. Meine Gesundheit hat Vorrang vor der Unterhaltung anderer. Eine frustrierte Autorin ist eine schlechte Autorin.

Es heißt immer, Autoren sollen viel in den sozialen Medien präsent sein, Textschnipsel posten und Werbung machen, um Leser zu finden. Selbst in den Jahren, in denen ich auf Facebook und Twitter in dieser Hinsicht noch aktiv war, hielt sich der Erfolg in Grenzen, während der Arbeitsaufwand immens war. Daher denke ich nicht, dass Werbung für meine zweite Trilogie erfolgreich wäre, wenn ich in diesem Bereich wieder mehr mache. Zumal mir schlichtweg die Energie fehlt, wieder in einer Community aktiv zu werden, aus der ich mich bewusst zurückgezogen habe.

All das konnte ich im November durch meinen Rückzug ein wenig ausblenden. Und auch wenn ich nun in der Realität zurück bin, hat es gutgetan, dem für eine Weile zu entfliehen.

Für die Zukunft habe ich mir Folgendes überlegt:

  • Ich werde „Das Erbe der schwarzen Magier“ zu Ende schreiben und fertig überarbeiten, mir damit jedoch keinen Stress machen. Vor 2021 werde ich voraussichtlich sowieso nicht dazu kommen. Diese Trilogie zu einem würdigen Abschluss zu bringen bin ich mir und den Charakteren schuldig.

  • Ich werde nach der Weihnachtspause keine Fragen und keine Vorschau mehr unter den Kapiteln posten. Das war einst von Lesern vorgeschlagen wollen, als ich ein ähnliches Problem mit U1000sS hatte wie jetzt mit der „Königsmörderin“. Das alles kostet mich nur Zeit und die Fragen sind meist nicht sehr originell.

  • Auch auf die Gefahr hin noch mehr Leser zu verlieren werde ich mit dem Posten neuer Kapitel eine Pause einlegen, wenn ich das Gefühl habe, dass ich sie brauche um mich für mein Versagen nicht selbst fertigzumachen.

In ein paar Kapiteln kommt ein großer Wendepunkt, der hoffentlich offenbaren wird, wie viel die „Königsmörderin“ wirklich taugt.

Dass ich in Bezug auf meine Schreibprojekte sehr empfindlich bin, ist nichts Neues. Meine Fähigkeit Rezessionen und Depressionen in den Lese- und Reviewstatistiken abzufangen, hängt stark von meinem sonstigen Befinden ab. Nicht zum ersten Mal frage ich mich, ob ich den Anforderungen des Veröffentlichens überhaupt gewachsen bin, weil es Stärken erfordert, die ich nicht habe.

Jemand hat auf Twitter hat das Schreiben eines Buches einst wie folgt beschrieben und das sagt alles darüber, was Schreiben für mich ist:

„I’m writing a book“ is just a polite way of saying „I’m ripping out a piece of my soul and tethering it to this stack of dead trees in the hopes that it will outlive me.“ AKA: making a Horcrux. @TheKateDylan

One thought on “Der stille NaNoWriMo

  1. Hallo meine liebe Lady Sonea,

    Ich muss gestehen: Ich hab total vergessen, dass im November ja NaNoWriMo ist! Aber wann schaffe ich es auch schonmal, bei Twitter rein zu schauen,… *seufz*
    Umso mehr habe ich mich gefreut, dann dort auf Twitter deinen Link zu diesem Artikel zu finden. Ich finde das wieder einmal sehr interessant, wie viel du geschrieben hast und wie es so lief.
    Zu deinen Zweifeln bezüglich des Erbes, hab ich grade so spontan gedacht: Ich glaube, das „Problem“ mit Das Erbe (und vielleicht auch schon mit Yukai) ist, dass es zu weit von der ursprünglichen Trilogie von Trudi Canavan weg ist. Ich glaube, viele Leser sind eben zu deinen Stories gekommen, weil sie Akkarins Tod in Die Meisterin/ The High Lord nicht akzeptieren konnten/ wollten und ein alternatives Ende haben wollten, wie du es uns mit „Der Spion“ gezaubert hast. <3
    Nun sind aber einige Jahre des Schreibens vergangen und auch in der Geschichte sind Sonea und Akkarin nun 10-12 Jahre älter und weiter. Das mag sicherlich spannend (für dich) sein, aber ich glaube, da kommen viele Leser nicht mehr mit. Weißt du, was ich meine?

    Du kannst mich aber auf jeden Fall weiterhin zu den interessierten Lesern zählen – mir fehlt es grade nur so sehr an Zeit! Aber ich gebe mir Mühe, weiter aufzu holen.

    LG
    Nika

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