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Fanfiction-Klischees: Das OOC-Phänomen – ein Erklärungsversuch

Dieser Artikel ist eine Vorbereitung auf meinen geplanten Artikel „Warum Akkarin kein romantischer Held ist“. Beim Verfassen jenes Artikels habe ich schnell bemerkt, dass ich ziemlich weit ausholen muss, bevor ich überhaupt zu der Essenz meiner Aussage vordringen kann. Daher habe ich dem einen Artikel über OOC-ness im Allgemeinen vorangestellt.

Im Fachjargon von Fanfiction-Autoren steht OOC für out of character, was so viel bedeutet wie, dass ein Charakter nicht seiner Vorlage entspricht.

Dieses Phänomen ist (so weit ich das beurteilen kann, Studien liegen mir leider nicht vor) in der Fanfiction-Welt relativ weit verbreitet und nimmt verschiedene Ausprägungen an. Unter den Schreibern und Lesern von Fanfictions ist es ein wenig verpönt und für mich zählt es zu den Gründen, warum Fanfiction als Genre einen so schlechten Ruf hat.

Generell unterscheide ich zwischen zwei Ausprägungen: der gewollten und der ungewollten OOC-ness.

Die gewollte OOC-ness

Wir kennen das unter anderem aus Science-Fiction Serien. Die Crew eines Raumschiffs begegnet ihren bösen Zwillingen aus einem Paralleluniversum oder eins ihrer Mitglieder wird von der Präsenz eines Aliens besessen. In beiden Fällen erleben wir die Charaktere, die wir im Laufe der Serie kennen und lieben gelernt haben, in einem völlig neuen Kontext. Sie handeln so, wie es nicht ihrem Naturell entspricht und wir bekommen dafür noch eine logische Erklärung geliefert.

Das Tolle an gewollter OOC-ness ist, dass man mit den Figuren experimentieren kann. Wenn Mr. Spock in einer Folge von Raumschiff Enterprise plötzlich super gefühlsbetont ist, weil er von einem Virus befallen wurde, der seine menschliche Seite dominieren lässt, kann das überaus amüsant und spannend sein – oder mit anderen Worten: faszinierend. So sehr wir den kühlen und beherrschten Vulkanier lieben, entdecken wir dadurch völlig neue Seiten an ihm. Etwas Ähnliches erleben wir, wenn ihn das Pon Farr befällt. Star Trek Fans wissen, so wird der Zustand bezeichnet, in dem Vulkanier paarungsbereit sind, wobei ihre animalische Seite zum Vorschein kommt. Dieser Zustand trifft nur alle sieben Jahre ein und man kann davon ausgehen, dass dies in der gesamten Serie nur einmal geschieht. Obwohl Teil seiner Persönlichkeit, ist dies im weitgefassten Sinne ebenfalls OOC, weil die Zuschauer ihren Lieblingsvulkanier nicht in dieser Form kennen.

Als Autorin von Fanfictions gestehe ich dem selbst einen gewissen Reiz zu. Einen Charakter ständig in-canon zu schreiben, ist sehr restriktiv. Das in-canon Schreiben erfüllt mich und ist Grundlage für meine Geschichten. Doch hin und wieder will ich entweder einfach nur Schund schreiben, um eine Schreibblockade zu überwinden, oder ich ziehe meine Lieblingscharaktere oder meine eigenen Werke durch den Kakao (wie in meiner Parodie zu Die zwei Könige Von bösen Königen und altersschwachen Limeks, in der OOC-ness nicht meine einzige Schandtat ist). Ich habe sogar eine Szene, die es nicht in „Das Heiligtum von Yukai“ geschafft hat und in der Sonea herausfinden will, wie es ist, wenn sie im Bett das Sagen hat, und hinterher zugibt, noch nie so schlechten Sex gehabt zu haben. Ok, ich gebe zu, das ist Headcanon, weil wir in den Büchern nicht viel über diese Thema erfahren. Aber es ist konsistent von Soneas und Akkarins Beziehung in The High Lord fortgesponnen und was sie in dieser Szene tut, kann ich nicht im Geringsten mit ihrem Charakter in Einklang bringen.

Ich fasse gewollte OOC-ness als Gedankenexperiment mit spannenden Resultaten auf. Man lässt den Charakter von der Leine und hält ihm zugleich einen Spiegel vor. Ich erwähnte bereits, dies kann auch helfen, um Schreibblockaden zu überwinden. Und das tut es nicht nur, weil es Hirnwindungen frei bläst – das tut es auch, weil man dadurch neue Ideen für die Aktionen des in-canon Charakters erhalten kann.

Ungewollte OOC-ness ist dagegen ein ganz anderes Thema. Und es ist sehr viel komplexer.

Die ungewollte OOC-ness

Ungewollte OOC-ness geschieht meines Erachtens mangels besseren Wissens oder Reflektionsvermögens, aber auch, weil man etwas in die Charaktere projiziert, was dort nicht ist.

Am besten erzähle ich euch dazu einmal ein wenig aus meinem eigenen Leben.

In der schlimmsten Phase meiner Pubertät, die von ca. 11 bis 16 ging, war ich eines der nervigsten und quietschigsten Fangirls unter dem Antlitz Gottes. Ich war nacheinander (und teilweise auch gleichzeitig) verliebt in Captain Kirk, Mr. Spock, Han Solo und Horst Schimanski. Die Menschen in meiner Umgebung haben sehr unter meinem Gesülze über einen eher gefühlsbetonten Mr. Spock und einen süßholzraspelnden Han Solo gelitten. Man merkt schon, das ist eine ziemlich bunte Mischung, denn damals war ich noch in der Selbstfindungsphase und ich wusste noch nicht so recht, was ich vom Leben oder von einem zukünftigen Partner erwarte. Ja, die Vorstellung eines idealen Partners hat sehr viel damit zu tun, wenn man sich in eine fiktive Figur verliebt.

Ich kann von Glück sagen, dass es damals (also Mitte der 90er) noch kein richtiges Internet gab und ich nicht die Ausdauer hatte, die Fanfictions, die in meinem Kopf abliefen, auf Papier zu bringen. Denn sonst hätte ich genau das getan, was viele junge Autoren tun, wenn sie Fanfiction schreiben: Ich hätte meine schlecht durchdachten Geschichten, die jeglicher Logik entbehren und deren Charaktere völlig OOC sind, dem breiten Publikum zur Verfügung gestellt. Und ich hätte mich einige Jahre später dafür in Grund und Boden geschämt.

Damals hätte ich jedoch nicht einmal gewusst, das eine von dem anderen zu unterscheiden. Selbst, wenn ich die Gelegenheit gehabt hätte, meine Geschichten nach einer Weile noch einmal zu lesen, wäre mir nicht aufgefallen, was für einen Schund ich da fabriziert habe. Weil ich meine Träume, Phantasien und Wunschvorstellungen so stark in das Fandom und meinen jeweiligen Lieblingscharakter projiziert habe, dass ich blind für die Realität war.

Auch in späteren Jahren ist mir das noch passiert. Meine ersten Versuche Fanfiction zu schreiben endeten in Texten, die Vorlage für das Drehbuch einer Seifenoper hätten sein können. Ja, es ging um Sonea und Akkarin in einer alternativen Fortsetzung von The Black Magician. Damals war ich 27 und hatte die Pubertät schon lange hinter mir. Meine Selbstfindungsphase war lange vorbei und ich brauchte nicht mehr zu projizieren oder meine Vorstellungen von dem perfekten Mann in das Fangirl-Objekt meiner Begierde zu projizieren. Einmal davon abgesehen, dass Akkarin zufällig all genau das verkörpert. Die ersten Versuche einer Umsetzung waren dennoch grauenhaft, wie mir beim Korrigieren auffiel (insofern bin ich dankbar, dass ich Fanfiktion.de erst ein paar Jahre später entdeckt habe und mit der Veröffentlichung meiner Fortsetzung erst angefangen habe, als ich schon beim dritten ’Buch’ war). Das Problem war hier allerdings, dass ich noch nicht das richtige Gefühl für die Charaktere hatte, denn wäre nicht dementsprechend entsetzt gewesen. Für mich ist es dann richtig, wenn ich beim Lesen der Szene denke, diese könnte auch aus dem Original stammen und die Figuren sich so anfühlen, wie sie es tun, wenn ich die Bücher lese. Heute beömmele ich mich über meine ersten Versuche in diesem Genre und stelle meinen Lesern die genialsten Stücke in Bonuskapiteln zur Verfügung. Hätte ich diese Szenen jedoch unmittelbar nach ihrem Schreiben veröffentlicht, so würde ich mich heute in Grund und Boden schämen.

Was ich damit sagen will: Es ist schwer, einen Charakter in-canon zu schreiben. Verdammt schwer. Es ist ein langwieriger und frustrierender Prozess. Ganz besonders dann, wenn es der Lieblingscharakter ist. Denn wir neigen dazu, in das was wir lieben, all unsere Wünsche und Phantasien zu projizieren und das Geliebte zu romantisieren und zu verzerren. Ich denke, besonders im Teenager-Alter geschieht dies häufig. Ich sehe ja rückblickend bei mir selbst den Schund, den ich mir damals zusammengesponnen habe, was im Umkehrschluss nicht heißen soll, dass alle Teenies ihre Charaktere ohne es zu bemerken OOC schreiben. Es ist sicher auch eine Frage der Persönlichkeit und geistigen Reife und wie sehr man seine eigene Schreibe reflektiert. Denn auch im Erwachsenenalter sind wir nicht immer davon gefeit, weil wir entgegen jeglicher aktueller Brillenmode zu dem rosaroten Modell greifen, wenn wir verliebt sind oder schwärmen. Darüber ignorieren wir jedoch oft die Realität und die dunklen Seiten einer fiktiven oder realen Person. Wir wollen nur sehen, was wir sehen wollen und das Erwachen ist oft jäh und schmerzhaft.

Aber lieben wir dann überhaupt wahrhaftig?

Wenn ich eine fiktive (oder auch reale Person) toll finde und bewundere, dann tue ich das, weil sie so ist, wie sie ist. Ich akzeptiere sie als Ganzes mitsamt ihrer dunklen Seiten. Fange ich jedoch an, jene Person zu ändern, so ist das das Gegenteil von Liebe.

Ein weiterer Faktor ist unsere eigene Interpretation. Selbst wenn diese nicht von unseren Wünschen und Vorstellungen beeinflusst wird, haben unterschiedliche Personen unterschiedliche Interpretationen von ein und derselben Sache. Denn wir alle sind ein Produkt aus unseren Erfahrungen und unserer Umwelt und beides fließt in unsere Persönlichkeit ein und färbt unseren Blick auf die Welt.

Auch ich könnte nicht sagen, ob ich wirklich davon gefeit bin. Ich glaube jedoch, mich sehr nahe am Original zu bewegen. Denn sonst würde mir beim Korrigieren der Unterschied zu den Büchern förmlich ins Auge stechen und ich hätte nicht so viele Leser, die sich nur wegen meiner Geschichten auf Fanfiktion.de anmelden und mir schreiben, dass meine Geschichten all ihre Vorurteile über Fanfictions ausgeräumt haben. Ich lege sehr viel Wert darauf, OOC-ness zu vermeiden, weil ich sonst nicht glücklich mit dem Resultat bin. Aber was ist mit den blinden Flecken der Charaktere, die Interpretationsspielraum bieten? Gestalte ich diese konsequent? Und was ist mit Sonea, die mir so ähnlich ist, wie keine andere fiktive Figur? Führe ich sie in meiner Fortsetzung und ihrer Einstellung und ihren Gefühlen gegenüber Akkarin konsequent fort, weil es das ist, was ich aus ihrem Verhalten in den Büchern, insbesondere in The High Lord, heraus interpretiere? Oder meine ich nur, das zu tun, weil die Grenzen zwischen mir und ihr verschwimmen? Und was bedeutet das dann für ‚meinen‘ Akkarin? Auch er besitzt in meinen Fanfictions Eigenschaften, die für mich aus seinem Verhalten in den Büchern folgen, weitere sind Überlegungen, zu denen ich auf Grund seiner Vorgeschichte gelangt bin. Wenn ich das Gefühl habe, dabei zu weit zu gehen, dann nehme ich diese Szenen aus meinen Geschichten raus. Aber vielleicht projiziere sogar ich bei ihm, um ihn für mich noch perfekter zu machen, indem ich diese blinden Flecken seiner Persönlichkeit nach meinem Gutdünken ausgestalte. Nur, dass der Rest seiner Figur konsistent immerhin mit den Büchern ist. Aber indem ich immer wieder hinterfrage, ob meine Charaktere noch so wie im Original sind und kleine Ausreißer korrigiere, habe ich schon einen großen Schritt getan, ihrer Vorlage gerecht zu werden und ihnen den Respekt zu erweisen, den sie verdienen.

Ich glaube, dass diese Projektion der Grund dafür ist, warum beliebte Charaktere in Fanfictions so oft OOC geschrieben werden. Die Autoren jener Geschichten bemerken das nicht, weil sie in ihren Wunschvorstellungen gefangen sind. Und auch die Leser, die solche Geschichten mit „Akkarin ist bei dir genau so wie ich mir ihn immer vorstelle!“ und „das Pairing ist ja sooo süüüüß!“ kommentieren, sehen dies nicht, weil auch sie in ihren Wunschvorstellungen gefangen sind. Beunruhigend wird das erst, wenn sie Selbiges zu meinen Geschichten schreiben, denn ich kann ihnen in diesem Fall nicht glauben. Zum Glück sind das die Ausnahmen, jene Leser rühren meine Geschichten nämlich in der Regel nicht an und ich schenke lieber denen Glauben, die nicht rumquietschen, die konstruktiv sind und die ihre Vorurteile überwinden konnten.

So sehr ich ungewollte OOC-ness auch nachvollziehen kann – mir selbst tut es in der Seele weh, so etwas zu lesen. Denn ich liebe meine Lieblingscharaktere, weil sie so sind, wie sie sind, und ich lese Geschichten über sie, weil ich nicht genug von ihnen bekommen kann.

Nein, ich will kein unfreiwilliges OOC lesen. Meine bisherigen Erfahrungen damit waren verstörend und ich habe keine dieser Geschichten länger als ein Kapitel ausgehalten. Das gilt insbesondere für mein eigenes Fandom. Ich will weder von einem süßholzraspelnden, verweichlichten Akkarin lesen noch von einer Sonea, die sich wie ein pubertärer Teenager aufführt und ihren Mentor ohrfeigt. Denn dann bin ich verstört. Zutiefst.

Das Klischee des gemobbten Waisenkindes mit Superkräften und warum wir es brauchen

In diesem Artikel geht es strenggenommen um zwei Klischees, die man in etwa wie folgt zusammenfassen kann:

Der Protagonist oder einer der Hauptcharaktere (im Folgenden der Einfachheit halber nur als Held bezeichnet) kommt aus einer sozial benachteiligten Gruppe in eine Gesellschaft, in der er als Außenseiter gilt (der klassische Underdog). Oft hat er seine Eltern verloren oder eine andere tragische Vergangenheit. Die neue Gruppe, in der er sich nun zurechtfinden muss, steht ihm ablehnend gegenüber, was bis hin zu Mobbing reichen kann. Das Ziel des Helden ist es, sich zu behaupten und den Respekt seiner Mitmenschen zu erlangen. In der Fantasy kommt oft noch hinzu, dass der Held außergewöhnliche Kräfte besitzt und/oder eine Prophezeiung erfüllen muss oder die Welt auf eine andere Weise rettet – und das unter Einsatz seiner außergewöhnlichen Fähigkeiten. Dies muss übrigens nicht zwingend in Kombination mit der Außenseiterrolle geschehen, denn wie gesagt, geht es hier eigentlich im zwei Klischees. Eine Kombination beider Klischees bietet jedoch mehr Potential für Konflikte und somit mehr Chancen für den Helden sich zu entwickeln, was die Spannung der Handlung steigert. Gerne hat der Held auch einen väterlichen Mentor, der ihm zur Seite steht. Manchmal verliert er diesen im Laufe der Geschichte auf die eine oder andere Weise und muss sich fortan allein durchschlagen.

Das gemobbte Waisenkind mit den Superkräften als Held einer Romanreihe kommt in seinen verschiedenen Varianten und Kombinationen der obengenannten Punkte zum Einsatz. J.K. Rowling verwendet es in Harry Potter, Trudi Canavan in The Black Magician, Brandon Sanderson in Mistborn, Rick Riordan in der Percy Jackson Reihe oder Suzanne Collins in der Hunger Games Trilogy – nur um einige zu nennen. Aber auch Filme wie Krieg der Sterne oder Karate Kid funktionieren auf diese Weise hervorragend.

Über Aussagen wie „Das Buch ist scheiße, weil es dieses Klischee enthält“ kann ich um ehrlich zu sein nur den Kopf schütteln. Natürlich muss man dieses Klischee nicht mögen und kann sich meinetwegen darüber ärgern, dass es so häufig in seinen unterschiedlichen Varianten aufgegriffen wird. Aber es gibt auch genug andere Bücher. Oft genügt es, sich den Klappentext eines Buches und einige Rezensionen durchzulesen, um zu wissen, worauf man sich einlässt. Die Frage, ob ein Buch schlecht ist, weil es ein bestimmtes Klischee aufgreift, begründet sich meines Erachtens vielmehr in seiner Umsetzung.

Bei keinem, der von mir gelesenen Bücher, die dieses Klischee in der einen oder anderen Weise enthalten, hatte ich bis jetzt den Eindruck, dass es an der Umsetzung scheitert. Stattdessen unterscheiden sich die Umsetzungen in ihrer Gesamtheit, so dass jedes Mal etwas Neues daraus entsteht. Dazu möchte ich kurz zwei Beispiele aus meinen Lieblingsbuchreihen vorstellen:

So besteht Harrys tragischer Hintergrund darin, seine Eltern verloren zu haben und von seiner Pflegefamilie schlecht behandelt zu werden. Kaum, dass er nach Hogwarts kommt, gerät er zudem in einer Rivalität mit Draco Malfoy, wie sie typisch für Jugendliche an einem Internat ist. Trotz der beiden Freunde, die Harry durch alle sieben Bücher treu zur Seite stehen, hat er dadurch, dass er Voldemort überlebt hat und der Auserwählte ist, eine Außenseiterposition inne. Er hat sogar zwei väterliche Mentoren, von denen einer im sechsten Band stirbt. Eine Superkraft besitzt Harry in dem Sinne nicht, zumal die Tatsache, dass er Voldemort zwei Mal überlebt, auf dem in dieser Buchreihe propagierten Prinzip der Liebe basiert. Dafür ist Harry jedoch Teil einer Prophezeiung und derjenige, der Voldemort am Ende aufhält. Eigentlich stehe ich Prophezeiungen immer ein wenig kritisch gegenüber, doch hier gefällt mir, dass Harry nur durch Zufall der Auserwählte ist, da es auch Neville Longbottom hätte treffen können. Und mir gefällt, dass Dumbledore durch die Offenlegung seiner Motive sich von dem Klischee des väterlichen Mentors schließlich fortentwickelt.

Vin aus der Mistborn-Trilogie hat sich mit ihrem Bruder in Diebesbanden durchgeschlagen, bis dieser eines Tages verschwindet. Ihre ’Superkraft’ besteht darin, eine außergewöhnlich starke Mistborn zu sein, was in ihren Blutlinien begründet liegt. Eine weitere scheinbare Superkraft basiert tatsächlich auf einem Artefakt der Hemalurgie, das sie unwissentlich trägt. In Kelsier findet sie einen Mentor, der am Ende des ersten Buches stirbt, und fortan muss sie ihr Training allein fortsetzen. Sie ist diejenige, die den Lord Ruler tötet, und wird im zweiten Teil der Reihe als der Hero of Ages gehandelt, was sich jedoch als eine Irreführung durch das eigentlich Böse herausstellt. An dieser Umsetzung gefällt mir besonders gut, dass Brandon Sanderson mit den bekannten Klischees spielt und sie ad absurdum führt. Ein ausführliches Review zum ersten Teil der Mistborn-Reihe findet ihr auch in meinem Zweitblog die anderen beiden folgen hoffentlich bald.

Da dieser Artikel im Zusammenhang meines Unmuts einer gewissen Forumsdiskussion steht, möchte ich an dieser Stelle auf die Umsetzung dieses Klischees in The Black Magician intensiver eingehen.

Das Klischee des gemobbten Waisenkindes mit Superkräften in ’The Black Magician’

Sonea ist das Mädchen aus der Unterschicht, deren magische Fähigkeiten sich durch Zufall von selbst entwickeln. Wie sich herausstellt, ist sie sogar eine besonders starke Magierin, da magische Kräfte durch einen anderen Magier entfesselt werden müssen. Wo andere Charaktere sich über diese Möglichkeit gefreut hätten, empfindet Sonea ihre Begabung jedoch als Fluch. Die Magie entgleitet mehr und mehr ihrer Kontrolle bis hin zu Soneas Beinahe-Tod, während sie von den Magiern gejagt wird. Es dauert, bis Sonea deren gute Absichten erkennt. Vertrauen fasst sie nur zu Rothen, dem väterlichen Mentor in dieser Geschichte. Auch wenn ich vielschichtige Charaktere für gewöhnlich vorziehe, so wirkt Rothen damit auf mich wie ein angenehmer Ruhepol – eine liebevoll gezeichnete Konstante, die einen Teil des Charmes der Bücher ausmacht. Ich würde ihn nicht anders wollen.

Als Sonea im zweiten Buch ihre Ausbildung an der Universität der Magier beginnt, widerfährt ihr sehr heftiges Mobbing durch die anderen Novizen, von denen sich genug zusammentun, dass sie trotz ihrer magischen Stärke nicht viel ausrichten kann. Mit einer Rivalität wie zwischen Harry und Draco hat das nicht mehr viel zu tun, obwohl auch dies ein häufiges Verhalten von Kindern gegenüber Außenseitern ist. Hier fällt dieses jedoch ganz besonders extrem aus, weil Regin aus einer reichen Familie stammt, in deren Augen Menschen wie Sonea Abschaum sind und er dementsprechend ohne Rücksicht auf Verluste vorgeht. Sonea hofft, Regin und seine Bande würden irgendwann von alleine aufhören, wenn sie sich nicht wehrt. Sie versucht ihren Peinigern aus dem Weg zu gehen, will nicht, dass andere davon erfahren, und traut sich nicht einmal, sich mit ihrer Magie zu verteidigen aus Furcht, jemanden ernsthaft zu verletzen.

Die Mobbing-Attacken werden schlimmer, als Sonea ihren väterlichen Mentor verliert und die Novizen herausfinden, dass sie ihren neuen Mentor zu sehr fürchtet, um ihn um Unterstützung zu bitten. Wo Sonea auf ihrer Flucht vor den Magiern Hilfe von ihren Freunden hatte, ist sie nun völlig auf sich gestellt und von Menschen umgeben, die auf sie herabsehen. Letztendlich gelingt es Sonea jedoch, sich gegenüber ihrem Peiniger zu behaupten und damit den Respekt der Magier und der anderen Novizen zu erlangen.

Im dritten Buch spielt Sonea eine tragende Rolle bei der Rettung Kyralias. Jedoch nicht auf Grund ihrer magischen Stärke, sondern weil sie bestrebt ist, das Richtige zu tun und zu schützen, was ihr lieb und teuer ist. Indem sie schwarze Magie erlernt, kann sie beliebig viel Magie in sich speichern, wodurch ihr eigenes magisches Potential, was zu Beginn so nach Klischee geschrien hat, hinfällig wird. Schwarze Magie fällt für mich nicht unter den Begriff Superkraft, weil jeder sie erlernen und mit genügend Quellen zu einer entsprechenden Macht gelangen kann. Ohne Soneas starkes magisches Potential wäre sie jedoch niemals von der Gilde entdeckt worden, hätte niemals die Magier ausspioniert und dabei deren Anführer beobachtet – und das hätte niemals dazu geführt, dass sie seine Novizin wird und sich seinem Kampf gegen die Feinde der Gilde schließlich anschließt.

Für mich liegt Soneas Superkraft weniger in ihrer natürlichen magischen Stärke, mit der sie Regin die Lektion seines Lebens erteilt, als in ihrem Kampfgeist. Dieser braucht zwar eine Weile, um geweckt zu werden, aber ist dieser erst einmal erwacht, kann man sich davon eine dicke Scheibe abschneiden. Sonea besitzt eine überaus starke Moral und ist bereit, ihre Vorurteile gegenüber anderen zu überwinden. Und nicht zuletzt schafft sie all dies aus eigener Kraft, weil sie die meiste Zeit über auf sich gestellt ist und die Personen, die ihr wohlgesonnen sind, jenseits ihrer Reichweite liegen.

An Canavans Umsetzung gefällt mir vor allem die Entwicklung, die Sonea durchlebt, indem sie scheinbar unüberwindliche Hürden überwindet und an sich wächst. Diese ist in meinen Augen sehr realistisch gehalten. Auch gefällt mir, dass die Bücher verschiedene Aspekte des gesamten Klischees in sich abgeschlossenen Storylines behandeln und damit Stationen von Soneas Entwicklung sind. Das macht ihren Werdegang in meinen Augen umso realistischer, weil man nicht mit dem Klischee in seiner Gesamtheit erschlagen wird. Allerdings ist es auch anstrengend ein ganzes Buch lang zu lesen, wie Sonea den Mobbing-Attacken der anderen Novizen ausgesetzt ist. Man will, dass es aufhört und denkt, die Figur entwickelt sich nicht weiter. Aber genau das macht die Schilderung so realistisch, da Sonea ein typisches Opferverhalten zeigt. Gut gefällt mir auch, dass Sonea zwar durch ihr magisches Potential eine Art ’Superkraft’ besitzt, diese am Ende jedoch nicht dafür verantwortlich ist, dass sie Kyralia rettet, sondern dass sie ein Prinzip verwendet, das jeder Magier lernen kann und das zumindest innerhalb der Gilde als höchst verwerflich angesehen wird. Sie und Akkarin zeigen auf diese Weise außerdem auch, dass schwarze Magie nicht böse ist, womit im Übrigen ein weiteres Klischee aufgelöst wird.

Es gibt auch einige Punkte, die mich an der Umsetzung stören. Zu Soneas extrem starken, magischen Potential habe ich im ersten Artikel dieser Reihe schon etwas geschrieben. Als Antagonist ist Regin ein sehr flacher Charakter, der sich nicht entwickelt und nach dem Finale des zweiten Buches bis zum Ende der Reihe in der Versenkung verschwindet. Dort wird angedeutet, dass er seine Taten bereut und Wiedergutmachung leisten will. Doch dies tut er nie. Außerdem stört mich, dass nachdem Canavan das Mobbing-Thema in The Novice so realistisch behandelt hat, es in ihrer Fortsetzung so extrem unsensibel angeht (siehe dazu auch diesen Artikel). Dies ist jedoch strenggenommen kein Fehler an der Umsetzung in The Black Magician. Auch stört mich trotz der realistischen Schilderung, dass der Fokus im zweiten Buch so sehr auf der Sonea-Storyline liegt, während die eigentliche Handlung in den Hintergrund rückt. Aber dies vertage ich auf einen anderen Artikel.

Warum brauchen wir gemobbte Waisenkinder mit Superkräften?

Oft sind Bücher wie Harry Potter oder The Black Magician für Jugendliche und Erwachsene gut zu lesen. Als Erwachsener fühlt man sich bei ihrer Lektüre auf magische Weise wieder ein kleines Stück in seine Kindheit versetzt. Sie bedienen unsere Träume und Sehnsüchte und lassen uns Abenteuer erleben, die uns in unserem Erdendasein verwehrt sind.

Aber sie schaffen noch viel mehr als das. Die in diesen Büchern dargestellten Helden sind wie Freunde. Sie sind Figuren, mit denen wir uns identifizieren und in denen wir uns zu einem gewissen Teil wiederfinden. Wir lieben und leiden mit ihnen, weil sie uns so nahe sind, und schöpfen daraus Kraft. Und sie lehren uns wichtige Lektionen, mit denen wir unser eigenes Leben meistern können. So lehrt uns Harry echte Freundschaft, und dass Liebe stärker als der Tod ist, und entführt den Leser auf magische Weise in die eigene Kindheit. Ich habe sogar von Menschen gehört, die sich mit Harry Potter aus einer Depression gekämpft haben.

Sonea lehrt uns, nicht aufzugeben, egal wie viele Steine einem das Leben in den Weg legt. Sie lehrt uns zu kämpfen und über sich hinauszuwachsen und für das einzustehen, was einem lieb und teuer ist. Ein Mensch, der selbst gemobbt wird, findet durch sie möglicherweise sogar den entscheidenden Anstoß, aufzustehen und sich endlich gegen seine Peiniger durchzusetzen. Durch Sonea habe ich mich selbst gefunden. Und sie hat mich gelehrt, dass eine Begabung eine Bereicherung für andere Menschen sein kann, wenn man sie zu beherrschen lernt. Denn dann hört sie auch auf, ein Fluch für einen selbst zu sein.

Ist dieses Klischee ausgelutscht? Vielleicht ist es das. Aber das gilt dann auch für andere Klischees und andere Genres. Und es ist gewiss auch eine Frage von Angebot und Nachfrage, welche Art von Buch gerade gehypt wird und ob andere Autoren auf diesen Zug auspringen. Es existieren so viele Geschichten, dass es schier unmöglich geworden ist, das Rad neu zu erfinden. Man kann Setting, Charakterkonstellationen und Rahmenhandlungen ändern, aber auch dort werden sich Elemente finden, die auch anderswo enthalten sind. Am Ende läuft es auf die Art und Weise der Umsetzung einer Idee hinaus. Und ich finde nicht, dass das etwas Positives ist. Denn es schafft zahlreiche Facetten von ein und derselben Ausgangsidee. Ein altbewährtes Thema in einem völlig neuen Kontext zu bringen, kann somit auch überaus spannend sein.

Nicht zuletzt sind für viele Leser dieser Art von Geschichten von essentieller Bedeutung, weil sie ihr Leben verändern oder einfach nur Balsam für die geschundene Seele sind.

Der Underdog, der sich aus seiner Situation emanzipiert und vielleicht sogar die Welt rettet, ist und bleibt ein Symbol für die Träume und Sehnsüchte der Leser. Deswegen wird sich dieses Klischee mit Sicherheit noch lange der Beliebtheit vieler Leser erfreuen.

Nächster Artikel: Magier in Parallelgesellschaften und warum es nicht der menschlichen Natur entspricht, die einem gegebene Macht auszuüben

Klischees im Black Magician Universum (6)

Nr. 6 Der Intrigant, der sich selbst zum Narren macht

Er ist schön, er ist attraktiv, er ist gebildet, er hat güldenes Haar, über das er sich mit Vorliebe streicht, er kommt aus einem reichen und einflussreichen Hause – er ist …

Nein, er ist nicht der Kingslayer, denn dieser hat Klasse. Und lebt in Westeros.

Er ist Fergun.

In der Gilde ist nur unter Seinesgleichen beliebt. Kleine Schleimer und Intriganten, die wie er zu verhindern suchen, dass sich die überall in den Verbündeten Ländern und jenseits davon anerkannte Gilde dem Pöbel öffnet. Jeder Magier, der ein wenig Hirn besitzt, hält nicht viel von Fergun. Und das zu recht.

Der Hohe Lord hat keine allzu hohe Meinung von ihm:

„So what did you tell him?“

„That uncle Fergun had done a bad, bad thing, but not to worry, as the nice men at the Fort would make sure, he was well looked after for all the years he stayed there.“

„I mean what did you tell Nefin?“

„Precisely the same. Well, not in exactly the same words, of course. Not only do they give me the satisfaction of refusing, but I’ve had no marriage proposals from House Maron since Fergun departed. That is an even better reason to keep the man tucked away in the Fort.“

Konversation zwischen Akkarin und Lorlen, Kapitel 4, The Novice

Bei Jerrik ist er unten durch, nachdem er diesem offenbart hat, dass er mit Vorliebe elynische Trivialliteratur liest.

Sogar die Ichani halten nicht besonders viel von seinen magischen Fähigkeiten:

„But he’s weak. I can’t believe they bothered to teach him. He probably can’t even boil water.“

Avala, Kapitel 28, The High Lord

Offengestanden: Ein wenig bedauere ich, dass Avala ihn getötet hat. Auch wenn ich jedes Mal, wenn ein ungeliebter Charakter stirbt, dabei insgeheim eine tiefe Befriedigung verspüre. Als ich diesen Artikel geschrieben habe, kam mir die glorreiche Idee, eine Badfic zu schreiben: Avala setzt sich über Kariko hinweg und behält Fergun und macht ihn zu ihrem Lustsklaven. Tatsächlich wollte ich schon immer eine Geschichte aus der Perspektive einer dominanten Frau schreiben. Die bloße Vorstellung, wie Fergun vor der heißen und begehrenswerten Ichani-Magierin im Staub kriecht und sich wie ein unwürdiger Wurm zu ihren Füßen windet, beinhaltet ein unglaubliches Amüsement, auf das ich nur schwerlich verzichten kann, jetzt wo es sich in meinem sadistischen Fangirl-Hirn erst manifestiert hat.*

Fergun gibt wirklich sein Bestes, um als intriganter Bösewicht anerkannt zu werden, doch es will ihm einfach nicht gelingen. Er schwingt große Reden im Abendsaal, mit denen er seinen Standpunkt zum Thema Abschaum und Hüttenviertel nur allzu deutlich macht. Wirklich begeistern kann er damit jedoch nur seine Anhänger. Er hält sich für überaus gerissen, weil er Cery unter der Universität einsperrt und Sonea, die von all den Magiern völlig eingeschüchtert ist, mit ihm erpresst, um seine kleine schmutzige Intrige durchzusetzen. Doch er hat die Rechnung ohne den Hohen Lord gemacht, welcher mit Vorliebe durch die finsteren Geheimgänge streift, weil er dort seine Ruhe vor den anderen Magiern hat. Und ohne seinen früheren Widersacher Dannyl natürlich. Das hat man davon, wenn man andere mobbt.

Feige ist Fergun nämlich auch. Und homophob, wobei man das vermutlich über den Großteil des kyralischen Adels sagen könnte, der sich im Gegensatz zu seinem Nachbarn im Norden aufklärungstechnisch noch im tiefsten Mittelalter befindet. Ferguns Feigheit ist seine herausragendste Charaktereigenschaft. Nur feige Menschen mobben und piesacken andere, vergreifen sich an schwächeren und verstecken sich vor den bösen Feinden, anstatt heldenhaft unterzugehen. Dass Fergun eigentlich Schwertkämpfer werden wollte und frustriert ist, weil seine Eltern ihn stattdessen zur Gilde geschickt haben – und das, obwohl sein magisches Potential so gering ist, dass er mit Mühe und Not Wasser kochen kann – ist für mich keine Entschuldigung für sein Verhalten. Andere Magier wurden weitaus mehr vom Schicksal gebeutelt und wurden dennoch nicht zum Charakterschwein. Selbst jene, die von Fergun persönlich gebeutelt wurden.

Auch hier habe ich wieder einmal nicht die geringste Ahnung, ob Canavan versucht hat, einen Bösewicht zu parodieren oder ob sie einen echten Bösewicht schaffen wollte und ihr das einfach nur misslungen ist. Für mich ist Fergun vor allem Ersteres. Ein Bösewicht, der unfreiwillig komisch ist.

* Ich streite noch mit mir selbst bezüglich des Ratings und wie viel Handlung ich der Story zugestehen soll, da eine Badfic meiner Meinung nach keine nennenswerte Handlung haben sollte. Aber wie soll ich ohne bloß leben?

Klischees im Black Magician Universum (5)

Hach, der hier lag schon etwas länger bei mir rum. Vor gestern Abend konnte ich ihn aber nicht bringen.

Viel Spaß damit!

Nr. 5 Der Anführer, der nichts zu sagen hat (FF)

Sonea unterdrückte ein Kichern. „Nein. Und wir wollen doch ganz bestimmt auch nicht, dass Balkans Roben schmutzig werden.“ „Was Luzille wohl dazu sagen würde?“, murmelte Akkarin mehr zu sich selbst. Sonea kicherte erneut. „Sie wäre sicher alles andere als erfreut.“ Kapitel 32, Der Spion

Balkan war der Letzte, der sich seine schwarze Robe überzog und Blutring und Speicherstein erhielt. „So fühlt man sich also als Hoher Lord“, bemerkte er, nachdem er die Robe über seine eigene gezogen hatte. Kapitel 55, Der Spion

Dieses Klischee ist eher ein satirisches. Meine Parodierung von Balkan entstand aus meiner Frustration über das Ende von The High Lord und der Nichtexistenz eines plausiblen Weges, Akkarin so kurz nach seiner Verbannung wieder zum Oberhaupt der Gilde zu machen. Balkan ist ein brillanter Krieger, aber in meinen Augen mangelt es ihm an diplomatischem und politischem Geschick. Für mich ist er eher ein Vertreter der Basta-Politik.

Davon abgesehen ist er alles andere als ehrfurchtgebietend.

Und dann die weißen Roben! Damit hat Canavan mir ohne es zu wissen die perfekte Vorlage für einen Anführer, der von seinen Gefolgsleuten nicht ernstgenommen wird, geliefert. Beim Schreiben dieses Artikels kam mir kurz der Gedanke, dass sie das vielleicht getan hat, weil sie Akkarin insgeheim auch für den einzig wahren Hohen Lord hält. Aber nachdem ich wieder an ihre Einstellung zum Ende der Trilogie und dem, was sie Akkarin in der Fortsetzung posthum antut, erinnert habe (ich verdränge das ja gerne erfolgreich), bezweifle ich das jedoch.

Nichtsdestotrotz habe ich unglaublichen Spaß daran, Balkan in seinen nicht vorhandenen Bart grummeln zu lassen, wenn seine Autorität wieder einmal untergraben wird. Sei es, weil die anderen Magier sich insgeheim über seine weißen Roben lustig machen, weil es Dannyl irritiert, diesen Mann nicht zu fürchten, oder weil Akkarin sich allenthalben über den Willen der höheren Magier hinwegsetzt und seine eigenen Entscheidungen zum Wohl der Gilde trifft.

Um es auf die Spitze zu treiben, hat der arme Balkan nicht nur in der Gilde nichts zu sagen, sondern auch nicht bei seiner Frau (sonst wäre es schließlich nur der halbe Spaß). Obwohl sie keine Magierin ist, hat Luzille in dieser Beziehung im wahrsten Sinne des Wortes die Roben an. Ursprünglich habe ich ihm Luzille nur deswegen zur Seite gestellt, weil ich der Meinung war, dass es noch einen privaten Grund geben muss, warum der „kleine brummige Bovar“ immer so brummig und grimmig ist. Doch daraus wurde schnell ein Gegenpol zur Beziehung von Sonea und Akkarin, die so ziemlich das komplette Gegenteil ist. Unter diesen Gesichtspunkt ist es umso widersinniger, dass Sonea und Luzille Freundinnen werden konnten. Aber dazu ein anderes Mal mehr.

Der arme Balkan!, werden manche von euch jetzt vielleicht denken. Und ja, wahrscheinlich kann er einem leidtun. Mir tut er jedoch eher wenig leid. Solange er Hoher Lord ist, werde ich ihn piesacken. Und er sollte mir dankbar sein, weil ich ihn nicht lieb genug habe, um ihn ernsthaft zu quälen.

Wäre Canavan nicht auf die Idee gekommen, Balkan zum Hohen Lord zu machen und ihn in weiße (!) Roben zu hüllen, wäre ich wahrscheinlich nie auf die Idee gekommen, ihn derart subtil durch den Kakao zu ziehen. Aber so gehört es wie unter anderem die übertriebene Furcht der Gilde vor allem, was mit schwarzer Magie zu tun hat, zu meinen persönlichen Lieblingsklischees, die meiner nicht immer offensichtlichen Parodierung standhalten müssen.

Und ich denke, wir sind uns alle einig: Es gibt nur einen einzig wahren Hohen Lord.

Klischees im Black Magician Universum (2)

Nr. 2 Die Drama Queen

„Look at them all“, Dannyl said to Tayend quietly. „It’s like a forest of gigantic trees.“ „Or a thousand swords.“ „Or masts of ships waiting to take souls away.“ „Or an enormous bed of nails.“ – Kapitel 12, The Novice

„And what was all that about selling me to slavers – and for only fifty gold! How insulting!“ „I’m sorry. Would a hundred gold have been more appropriate?“ „No! And you don’t sound particularly sorry.“ – Kapitel 15, The Novice.

The scholar stopped in the middle of the room and swayed, clearly a little drunk. „Looks like you’ve been having a good time,“ Dannyl observed. Tayend sighed dramatically. „Ah, yes. There was good wine. There was fine music. There were even a few rather good-looking acrobats to admire … But I dragged myself away, knowing that I could only escape for a few sweet hours from slaving in the library from my relentlessly demanding Guild Ambassador.“ – Kapitel 4, The High Lord

Ich könnte noch ewig weiterzitieren, denn ich finde diese Tayend-Zitate einfach herrlich. Das war jedoch nicht immer so. Als ich die Trilogie zum ersten Mal gelesen habe, hätte ich um ehrlich zu sein nichts dagegen gehabt, wenn Tayend am Ende gestorben wäre. Ich kann nicht sagen, warum – es war nicht so, dass ich ihn nicht mochte – vielmehr hat er mich einfach genervt.

Inzwischen kann ich das nicht mehr nachvollziehen. Tayend ist einer meiner liebsten Nebencharaktere in der Trilogie. Er ist unheimlich cool und seine Figur bringt Leben in die Dannyl-Storyline. Seine Reise durch die Verbündeten Länder, die sich teilweise ziemlich zäh liest, wäre nicht halb so interessant ohne den Gelehrten. Nicht auf Grund des Pairings, sondern weil Tayend ein so bunter und facettenreicher Nebencharakter ist. Tayend besitzt einen unglaublich großen Wissensschatz, verfügt über ein photographisches Gedächtnis und einen scharfen Verstand. Obwohl er außerhalb der Großen Bibliothek und des Hofes zu Capia schon fast verloren wirkt, liebt er Abenteuer und schreckt vor keiner Gefahr zurück (was jedoch zum großen Teil daran liegt, dass er sie überhaupt nicht einschätzen kann).

Darüber hinaus verkörpert Tayend jedoch auch den absoluten Klischeeschwulen. Es tut mir leid, das so freiheraus zu sagen und entschuldige mich für mögliche politische Inkorrektheit, doch genau das sehe ich in ihm. Er kleidet sich bevorzugt überaus modisch, bunt und figurbetont, wodurch er zuweilen wie ein Paradiesvogel wirkt. Er liebt Parties, Wein und attraktive Männer. Er macht keinen Hehl aus seinen sexuellen Neigungen, weil er sie als das ansieht, was sie sind: etwas Natürliches („There is a … a certainty in me about what is natural and right for me.“ Tayend, Kapitel 29, The Novice). Er ist unglaublich anhänglich, weil er keinen Tag ohne Dannyl sein will. Er hat einen unglaublichen Drang zu Dramatik und ist schnell beleidigt, was ihm zuweilen starke, weibliche Charakterzüge verleiht. Selbst die Tatsache, dass er unglaublich schnell seekrank wird, und dann leidet, als würde er jeden Moment abnippeln, passt in dieses Bild.

Aber darüber hinaus ist er auch ein guter Freund und Gefährte.

Ich habe keine Ahnung, ob Canavan all dies bewusst war, als sie Tayends Figur geschaffen hat. Vielleicht wollte sie auch nur einen typischen elynischen Höfling darstellen, der darüber hinaus zu Dannyls Love-Interest wird, und hat sich dieses Klischees unbewusst bedient. Hätte ich The Novice geschrieben, hätte ich es jedenfalls bewusst eingebaut. Nicht nur, weil ich ihn großartig finde, sondern weil durch ihn eine wunderbare Dynamik in seine und Dannyls Beziehung kommt, auf die ich in einem späteren Blog noch eingehen werde.

Klischees im Black Magician Universum (1)

In dieser Reihe von Blogs möchte ich Euch die Klischees vorstellen, derer Canavan sich gewollt oder ungewollt bedient (um ehrlich zu sein, habe ich nicht die geringste Ahnung, ob sie das so beabsichtigt hat), und wie diese dazu beitragen, den Büchern ihren unwiderstehlichen Charme zu verleihen. Denn auch wenn Canavan mit ihrer ersten Trilogie eine völlig neue Art der Fantasy-Literatur erschaffen hat, finden sich darin altbewährte Muster, die trotz ihrer Klischeehaftigkeit ein Erfolgsrezept für gute Unterhaltung bieten.

Daneben werde ich Euch die Klischees vorstellen, die ich selbst in meine Fanfictions einbaue, und Euch etwas darüber erzählen, warum und wie ich sie verwende. Diese werdet Ihr an einem (FF) hinter dem Titel erkennen können.

Klischees sind nämlich etwas Wunderbares, wenn man sie geschickt und mit Bedacht verwendet. Sie können überaus unterhaltsam sein und überhaupt sind sie ein wundervolles Stilmittel.

Und los geht’s mit Klischee Nr. 1:

„Der gutmütige Vater-Typ“

Oder auch der Mentor ist eine beliebte Figur in der bunten Welt der Fiktion. Er ist sehr viel älter als der Protagonist, er ist ein Mensch, der zu Vertrauen inspiriert – und er ist weise. Für den Protagonisten ist er von essentieller Bedeutung, denn er ist sein Mentor und seine Person des Vertrauens. Obi Wan Kenobi ist so ein Charakter, Meister Miyagi, oder auch Albus Dumbledore (zumindest zu Beginn von Harry Potter, da er sich während der letzten 3 Bücher stark von diesem Image wegbewegt).

Es braucht nicht viel Phantasie, um zu erraten, um welchen Charakter aus The Black Magician es hier geht. Richtig, es ist Rothen.

Rothen ist der Erste, der Soneas magisches Potential erkennt. Von allen Magiern wirkt er am intensivsten an der Suche nach ihr mit (außer vielleicht Dannyl mit seinem Alleingang bei den Dieben) und nimmt sich ihr auf Grund von ehrlichen und aufrichtigen Motiven an. Schon bald fasst Sonea zu ihm Vertauen, und als sie von Fergun in dessen Intrige gezogen wird, tut es ihr weh, Rothen zu hintergehen. Doch Rothen ist über alle Maßen verständnisvoll und hat ein gutes Herz. Er würde Sonea vermutlich so ziemlich alles verzeihen, was sie anstellen könnte. Schon bald entwickelt er eine väterliche Zuneigung für sie und setzt sich in jeder Hinsicht für ihr Wohl ein. Und Sonea profitiert in der Anfangszeit sehr von seinen Engagement.

Rothen spielt in der ersten Hälfte der Bücher eine wichtige Rolle. Er kümmert sich liebevoll um Sonea, so als wäre sie seine leibliche Tochter und er wird zu ihrem Fels in der Brandung, als die anderen Novizen sie schikanieren. Er hilft ihr, das erste Halbjahr zu überspringen und unterstützt sie, wo er nur kann. Kurz: Ohne Rothen wäre Sonea in dieser ersten Zeit völlig verloren. Seine Gutmütigkeit verhindert jedoch auch, ihr die Unterstützung zukommen zu lassen, die sie bräuchte, um ihr Potential voll und ganz zu entfalten, was sich auf Dauer negativ auf Sonea ausgewirkt hätte.

Ab der zweiten Hälfte von The Novice wird Rothen zu meinem Bedauern mehr und mehr zu einer Randfigur. Er sorgt sich weiterhin um Soneas Wohlergehen, kann jedoch nichts mehr für sie tun. Zwischendurch sorgt er sich auch um Dannyl, jedoch weitaus weniger, weil er Sonea durch Akkarin der größeren Bedrohung ausgesetzt sieht. Seine Überfürsorglichkeit wird daher zuweilen ein wenig anstrengend zu lesen. Dennoch halte ich Rothen für einen großartigen Charakter. Ich durfte selbst bereits zwei solcher Menschen kennenlernen und bin wirklich dankbar für diese Bekanntschaften. Allerdings hätte ich mir für die Zeit, nachdem Rothen seine Ziehtochter an Akkarin verloren hat, für seine Storyline ein wenig mehr Charakterentwicklung gewünscht, wie z.B. eine Entwicklung in seiner Karriere, die am Ende dazu führt, dass er Leiter der alchemistischen Studien wird. Denn so sympathisch Rothen ist, bleibt er somit ein wenig flach, was ich schade finde, weil ich in ihm durchaus Potential für eine Weiterentwicklung sehe.

Nichtsdestotrotz ist er eine wichtige Figur, die Canavan liebevoll entworfen hat, und die ich in den Büchern nicht missen will. Die Story lebt von Rothens väterlicher Gutmütigkeit und seinem herzlichen Verhältnis zu Sonea. Und eine Protagonistin wie Sonea hat einen solchen Menschen in ihrem Leben bitter nötig.