Von verdorbenen Hommagen zu der Fanfiction, die ich nie schreiben wollte

Eigentlich wollte ich nur ein alternatives Ende für die Abenteuerreihe finden, die Sonea in „Das Erbe 2“ liest und die einst als eine Hommage an eine andere Fantasyreihe gedacht war. Das war Anfang September der Plan, nachdem ich diesen Blogartikel geschrieben hatte.

Doch ich hatte die Rechnung ohne mein neurodivergentes Hirn gemacht.

Das Problem – sofern ich es überhaupt als solches bezeichnen kann, da wunderbare Dinge passieren, wenn Nerd-Obsession und Kreativität aufeinandertreffen – ist, dass ich es anscheinend nicht bei der groben Skizzierung einer Idee (der letzte Band von Soneas Abenteuerreihe) belassen kann, wenn das zugrundeliegende System (die Originalreihe) derart komplex ist.

Anfang September fing ich an, mir einen alternativen Band 5 von Soneas Lieblingsbuchreihe „Die Abenteuer des Gayend von Gallene“ auszudenken. Ich dachte darüber nach, was mir am letzten Band der Vorlage so missfällt und welche Alternativen ich schlüssiger und stimmiger in Bezug auf das Gesamtwerk gefunden hätte. Ich zog meine über Jahre gewachsenen Fan-Theorien heran und erstellte neue, wo es notwendig war. Dabei blieb ich nicht zum ersten Mal an den Inkonsistenzen hängen, die der Autor des Originalwerks insbesondere in diesem letzten Band erzeugt hatte.

Ich kann Inkonsistenzen nicht ignorieren. In mir steckt ein tiefverwurzeltes Urbedürfnis, diesen auf den Grund zu gehen und ggf. zu beseitigen, um mein intrinsisches Universum wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Beim Schreiben treibt mich dies zur Perfektion an. Das Gefühl, einen Aspekt nicht bedacht zu haben, kann mein Hirn okkupieren, bis das Problem gelöst ist.

Aus diesem Grund genügt es nicht, den letzten Band der „Abenteuer des Gayend von Gallene“ nur zu skizzieren und mein Wunschende zu schreiben, da dieses ohne gründliche Vorüberlegungen und eine sorgfältige Konstruktion der Handlung unlogisch und absurd gewesen wäre. Und vielleicht verlangt diese Nerd-Obsession nach fast vier Jahren auch einfach nach Erfüllung. Der letzte Band der Vorlage war Gift für mein Fangirlherz und jetzt fühlt es sich an, als könne ich wieder atmen.

In der ersten Septemberhälfte habe ich das Worldbuilding des Originals auseinandergenommen. Ich habe das Magiesystem analysiert und Inkonsistenzen in der Struktur gefunden, wo der Autor zu sehr darauf bedacht war, seine Idee christlicher Mythologie in die Buchreihe einzubringen. Diese Fixierung war es auch schließlich, die den letzten Teil so ruiniert hat und die sorgfältig aufgebauten Charaktere, die Geschichte der Welt und das harte, auf physikalischen und metaphysikalischen Prinzipien basierende Magiesystem ad absurdum geführt hat. Je mehr ich die Bücher auseinandernahm, desto mehr Unstimmigkeiten fand ich.

Abgesehen von den technischen Aspekten, die ich sowohl frustrierend als auch spannend empfinde, war es auch traurig. Traurig, dass etwas, das so vielversprechend anfing und über mehrere Bände die Qualität aufrechterhalten konnte, so desaströs geendet hat. Natürlich ist es nicht immer einfach, eine komplexe Reihe abzuschließen. Doch andere namhafte Fantasyautoren schaffen das auch. Je mehr ich mich damit beschäftigte, desto mehr bin ich überzeugt, dass zu wenig Planung und zu viel Fixierung auf einen Aspekt zu diesem Resultat geführt haben.

Irgendwo zwischen Analysen und Fan-Theorien passierte es: Die altvertraute Begeisterung übernahm und meine Ideen begannen ein Eigenleben zu entwickeln. Und ich wusste: Es wird nicht genügen, mir ein Ende für Soneas Lieblingsbücher und ihren Helden Gayend zu überlegen. Was da in der Entstehung war, verlangte nach einer eigenen Geschichte – einem alternativen Band 5 der Originalreihe.

Mir der Absurdität bewusst, habe ich versucht, meine Gefühle und Bedürfnisse zu leugnen. Ich wollte niemals Fanfiction zu dieser Reihe schreiben. Die ersten Bände waren so gut, dass es nicht notwendig schien und ich habe mit einem Fanfiction-Epos und meinem englischsprachigen Projekt schon genug Schreibprojekte. Doch, wenn ich ausrechne und plane, ob es möglich ist, diese Fanfiction im November zu schreiben, gibt es kein Zurück mehr. Im November ist NaNoWriMo und, wie im Frühjahr beschlossen, werde ich zwar offiziell nicht mehr teilnehmen, aber die Gelegenheit dennoch nutzen, wenn eine Geschichte geschrieben werden will. Ein Fangirl muss eben seinem Herzen folgen.

Zunächst musste ich mein englischsprachiges Projekt bis Anfang Oktober auf einen Stand bringen, mit dem ich im Dezember den nächsten Schritt wagen kann. Meine beiden Urlaubswochen im Oktober plante ich für die Planung der neuen Fanfiction ein, so dass ich die letzte Oktoberwoche noch als Puffer hatte. Zwischendurch hatte ich sogar Zeit für ein kleines Geheimprojekt zu Black Magician.

Und der Plan ging auf. Die ersten Tage meines Urlaubs verbrachte ich damit, das Worldbuilding aufzuräumen. Das hat mich einige Nerven gekostet. Mein innerer Vulkanier erlitt vor lauter Logikproblemen einen Meltdown. Wann immer ich mehrere Teile zusammengefügt hatte, stieß sich auf andere, die nicht damit zusammenpassten. Manchmal ließ sich das nur damit lösen, dass die Geschichte umgeschrieben worden war und die Charaktere an Lügen glaubten. Tatsächlich passt das sogar ziemlich gut zu einem der Grundkonzepte des Originals. Meine Ergebnisse habe ich zu einer „Wand des Wahnsinns“ zusammengefasst – soll heißen: Ich habe Poster mit Fan-Theorien, dem Magiesystem und einer Timeline und andere Informationen an einer Wand meines Schreibzimmers befestigt, wo ich alles im Überblick habe.

Verglichen mit den Korrekturen und Erweiterungen des Worldbuildings bei diesem Projekt erscheinen meine bisher angestellten Erweiterungen bei Black Magician als eine Kleinigkeit. Auch meine Lieblingstrilogie enthält Inkonsistenzen und ich habe in meinen Fanfictions beseitigt und die Welt zusätzlich an vielen Stellen erweitert, aber nichts davon ist auch nur im Ansatz vergleichbar mit diesem Fandom. Nicht, weil Canavan ihren Job besser gemacht hätte (man siehe die unsägliche Fortsetzung), sondern Epic Fantasy Universen verglichen mit „normaler“ Fantasy deutlich komplexer sind.

In der zweiten Urlaubswoche habe ich an den Handlungssträngen der verschiedenen Erzählcharaktere gearbeitet. Ich habe überlegt, wer stirbt und wer die Endschlacht überleben darf. Auch für die bösen Charaktere habe ich mir angemessene Schicksale überlegt. Ich habe überlegt, wie ich das Potential der Charaktere besser ausschöpfe, so dass ihre Entwicklung nachvollziehbar ist und sie sich nicht so out-of-character anfühlen, wie das in 90% von Band 5 der Fall ist. Ich habe überlegt, welche Plottwists, Cliffhanger und Intrigen ich einbaue und das so, dass die Auflösung nicht ins Banale abgleitet und ein Gefühl des Betrogenwordenseins in den Lesern auslöst. Ich habe überlegt, wie ich die großen Fragen, Mysterien und Versprechen der Reihe auflösen kann, ohne dass es in Infodumping und endlose Monologe ausartet. Ich habe sogar ein Kartenspiel erweitert.

Der Wahnsinn kommt in nach Wellenlängen angeordneten Farben und Wanddekoration.

Nicht immer lief das reibungslos. Die Erinnerungen an das Original sind noch zu frisch, um nicht in meine alternative Handlung zu intervenieren. Manche Ereignisse und Entwicklungen folgen logisch aus den ersten vier Bänden, so dass ich diese nicht ignorieren kann. Stattdessen lasse ich die Geschichte ab diesen Punkten anders verlaufen und parodiere dabei zum Teil auch Entwicklungen aus dem Original oder krempele diese um – etwas, das ich in meinem Fanfiction-Epos hier und da auch schon im kleinen Stil getan habe. Bei zwei Handlungssträngen fehlen mir noch Ideen, wie die Charaktere von A nach B kommen. Erfahrungsgemäß finden sich diese jedoch spätestens beim Schreiben, wenn sich alles zusammenfügt.

Der Arbeitstitel und wahrscheinlich auch offizielle Titel meiner neuen Fanfiction lautet „The Blighted God“ (Hashtag #TheBlightedGod) und fügt sich damit in das Titelschema der Originalreihe ein. Da ich mich auf der NaNoWriMo-Seite nicht anmelde und daher nicht von den offiziellen Bannern Gebrauch machen werde, habe ich mein eigenes Banner gebastelt – zu sehen als Header-Image dieses Artikels. (Ja, das steht auch das Fandom. Das wäre sowieso spätestens dann kein Geheimnis mehr, wenn ich diese Geschichte irgendwann auf Fanfiction.net hochlade. Und mit ein bisschen Recherche auf diesem Blog wäre es auch nicht schwer herauszufinden. Nichtsdestotrotz werde ich, wie hier erläutert, keine Leseempfehlungen mehr aussprechen.)

Ich rechne nicht damit, dass ich in einem Schreibcamp fertig werde. Ich habe Material für ca. 300k Wörter und das würde ich nicht einmal in einem Monat schaffen, würde ich auf Deutsch schreiben. Da es mein erstes Schreibcamp ohne Anmeldung beim NaNoWriMo wird, rechne ich damit, dass sich die vertraute NaNo-Magie nicht so ganz einstellen und sich der kommende November anders anfühlen wird. Auf Social Media werde ich während dieser Zeit den Hashtag #MyNoWriMo2020 verwenden.

Danach wird das Projekt eine Weile ruhen. Ab Dezember hat „Das Erbe 2“ Vorrang und anschließend werde ich den bereits geschriebenen Teil von „Das Erbe 3“ überarbeiten. Immerhin startet „Das Erbe 2“ im Spätsommer/Herbst 2021 und es muss vorher noch an Testleser geschickt werden.

Auch wenn sich hier ein Muster herauskristallisiert (Obsession mit einer Buchreihe → Frustration über das Ende → Fanfiction), wird „The Blighted God“ nicht in ein zweites Fanfiction-Epos ausarten. Muster sind schön, nett und hilfreich, aber hin und wieder müssen sie durchbrochen werden. Denn anders als vor 11 Jahren, als es darum ging, Akkarin und Sonea die Zukunft zu geben, die sie verdienen, und das Ende von „The High Lord“ ganz viel ungenutztes Potential für eine Fortsetzung hatte, geht es nun darum, ein Epos zubeenden. Keiner der Charaktere kann sich mit Akkarin messen, nicht einmal Gayends Vorlage.

Es geht darum, einen Abschluss zu finden und meinem Fangirlherzen Frieden zu geben.

Und, wenn ich ehrlich bin, geht es um die Herausforderung.

Diese Erfahrung wird mich als Autorin weiterbringen. Sie könnte mir neue Impulse geben, wie ich „Das Erbe 3“ möglichst episch beende. Sie zeigt mir bereits, was ich bei meinem englischsprachigen Projekt verbessern kann und für die noch ungeschriebenen Teile jetzt schon planen muss. Und auch zukünftige Projekte werden von „The Blighted God“ ganz gewiss profitieren.

Ich bin sehr darauf gespannt, diese Geschichte zu schreiben. Ich bin sicher, dass es episch wird.

Und wenn das Projekt irgendwann fertig ist, werde ich es auf Fanfiction.net hochladen. Damit all die anderen frustrierten Fans, die Verfasser der 1- und 2-Sterne-Rezensionen, an meiner Alternative teilhaben können. Sofern die Fanfiction lesen.

Übrigens habe ich noch nicht entschieden, wie „Die Abenteuer des Gayend von Gallene“ nun ausgehen. Also ob mein Ende oder das aus dem Original. Das spare ich mir bis zur Überarbeitung von „Das Erbe 2“ im Dezember/Januar auf. Fest steht jedoch, dass es beide Varianten zu lesen geben wird, die eine in der Geschichte, die andere in einem Bonuskapitel.

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